Die auf dieser Seite benutzte männliche Form von Begriffen
wie „Wappenstifter" und "Antragsteller" (generisches Maskulinum)
schließt eine weibliche Person, als auch mehrere Personen ein
.

 

 

Die Führungsberechtigung

Bei "HERALDIK PUR 2013 - Tag der Wappenkunde" wurde ausführlich die Führungsberechtigung im Rahmen der wappenrechtlichen Grundsätze im bürgerlichen Wappenwesen erläutert. Referent war der Jurist und Heraldiker Dieter Müller-Bruns (Kleeblatt / MdH). Dieser tritt seit Jahren für die konsequente Anwendung des Namens- und Nachkommenschaftsprinzips (Namensstamm) ein.

Das Recht an einem Familienwappen beruht auf dem Gewohnheitsrecht. Es gibt in Deutschland im kodifizierten Recht keine Vorschrift, die vom Wortlaut rechtsbegründend direkt das höchstpersönliche Recht an einem Familienwappen (Führungsberechtigung / Weitergabe) regelt. Die hinsichtlich der Familienwappen bestehende Gesetzeslücke im kodifizierten Recht wurde durch die obersten Rechtsprechungsorgane nur hinsichtlich des Schutzes eines Wappens vor einem unberechtigten Gebrauch durch die analoge Anwendung des § 12 BGB geschlossen. 

Neben dem kodifizierten Recht steht jedoch das Gewohnheitsrecht, das nach Art. 2 des Einführungsgesetzes zum Bürgerlichen Gesetzbuch (EGBGB) als anerkannte Rechtsnorm auch Gesetzeskraft hat. Gewohnheitsrecht entsteht durch gleichmäßige Übung der Beteiligten in Rechtsüberzeugung (Palandt, BGB, 70. Aufl. 2011, Einl. Rdnr. 22).

Das Recht an einem Familienwappen ist ein neben dem rechtsähnlichen Namensrecht stehendes (aber nicht im Namensrecht enthaltenes) Gewohnheitsrecht zur Kennzeichnung der eigenen Familie. Es enthält gewohnheitsrechtlich immer ein Namens- und Nachkommenschaftsprinzip. Der Verein "Zum Kleeblatt", Trägerverein der Niedersächsischen Wappenrolle (NWR), rät Wappenstiftern seit Jahren zur Wappenstiftung mit einer Führungsberechtigung im reinen Namensstamm.  

  • Das Familienwappen, der Familienname des Wappenstifters und die Nachkommenschaft vom Wappenstifter gehören bei einer Führung und Weitergabe des Wappens immer zusammen.

  • Neu angenommene Wappen werden heute in die überregionale Niedersächsische Wappenrolle (NWR) - verfassungskonform stets mit einer Führungsberechtigung mit Namens- und Nachkommenschaftsprinzip (= Namensstamm) eingetragen, ohne Bedingungen hinsichtlich des männlich oder weiblichen Geschlechts oder der Ehelichkeit der namensgleichen Nachkommen. Die gesetzlich geregelte rechtliche Nachkommenschaft ist einbezogen.

  • Das allgemein als verfassungskonform angesehene Namensstamm (Namens- und Nachkommenschaftsprinzip) gilt als klar verständlich und systematisch gut nachvollziehbar. 

 

Namens- und Nachkommenschaftsprinzip <=> Mannesstamm

Die wappenrechtlichen Grundsätze stellen strenge Regeln auf. Als Gewohnheitsrecht lebt das sog. Wappenrecht jedoch durch die Handhabung der Betroffenen und Verantwortlichen. Es entzieht sich damit grundsätzlich nicht einem bedeutenden gesellschaftlichen Wertewandel. Auch darf das Gewohnheitsrecht bei seiner Anwendung nicht gegen die bestehende Rechtsordnung verstoßen.

Daher wird der gesellschaftlich immer stärker als überkommen angesehene sowie rechtlich zunehmend als sehr bedenklich eingestufte sog. Mannesstamm mit Einschränkungen bei Frauen und regelmäßig auch nichtehelichen namensgleichen eigenen Nachkommen zukünftig keine Anwendung mehr finden.

So wird bei dem früher häufig angewandten Mannesstamm der Begriff „Familie“ auf die männlichen Familienmitglieder reduziert, indem nur die Söhne die väterliche Wappenführung zusammen mit dem Familiennamen an die eigenen Abkömmlinge weitergeben können. Nachkommen, die ihren Familiennamen hingegen über die Mutter erhalten haben, soll die Führung des Wappens, als das gemeinsame Kennzeichen der Familie, verwehrt werden. Gleichwohl sind aber auch diese Kinder direkte Nachkommen des Wappenstifters und tragen auch denselben Familiennamen. Beim Mannesstamm werden sie gezielt benachteiligt. Dies ist nicht gerechtfertigt.
Nachfragen bei Wappenberatungen und Informationsveranstaltungen für die Stifter neuer Familienwappen ergaben, dass den Wappenstiftern dies häufig selber kaum bewusst war. Die Formulierung des Mannesstamm wurde ihnen vielmehr durch die beauftragten Heraldiker und Wappenrollen regelmäßig einseitig vorgegeben.

Da am Mannesstamm weder gesellschaftlich noch rechtlich unwidersprochen weiter festgehalten werden konnte, bedurfte es unter Beachtung von Sinn und Zweck der wappenrechtlichen Grundsätze einer wohlüberlegten und gesetzeskonformen Festlegung. Der Jurist Müller-Bruns weist darauf hin, dass das Ziel nur die rechtlich vorgegebene Gleichstellung von Mann und Frau sein konnte. So kann die Familienidentität - immer zusammen mit dem Familiennamen - durchaus auch in männlicher und in weiblicher Linie nachvollziehbar weitergegeben werden. Gewohnheitsrecht lebt durch die einheitliche und konsequente Handhabung der Verantwortlichen und Betroffenen. 
 

Herr Müller-Bruns rät den verantwortlichen Mitarbeitern der Wappenrollen, heute bei neuen Familienwappen konsequent allein den reinen Namensstamm einzutragen (siehe Schaubild).
Beim reinen Namensstamm mit Namens- und Nachkommenschaftsprinzip sind ein bestimmtes Geschlecht und eine Ehelichkeit der Nachkommen grundsätzlich keine Voraussetzungen.
So ist es beispielsweise der Enkelin eines Wappenstifters nicht versagt, das Wappen ihres Großvaters zu führen, nur weil sie das nichteheliche Kind seiner Tochter ist, wenn sie als Nachkomme den Familiennamen ihres Großvater trägt. Hier sind beide Voraussetzungen des Namens- und Nachkommenschaftsprinzips für eine Führungsberechtigung erfüllt.



Nachträgliche Anmerkung der Redaktion:

Die verantwortlichen Mitarbeiter der Wappenrollen in den heraldischen
Vereinen "Zum Kleeblatt" (Hannover), "Herold" (Berlin) und "Der Wappenlöwe" (München) bekennen sich heute ausdrücklich zur primären Anwendung des reinen Namens- und Nachkommenschaftsprinzips (Namensstamm).

 

 

Die Regelung der Führungsberechtigung darf laut Müller-Bruns jedoch nicht zu einem Zustand der Unordnung oder Verwirrung führen. Das Namens- und Nachkommenschaftsprinzip ist daher immer konsequent einzuhalten:

Das Familienwappen,
der Familienname des Wappenstifters und
die
Nachkommenschaft vom Wappenstifter
gehören bei einer Führung und Weitergabe
des Wappens
immer zusammen.

Das bedeutet konkret: Das Wappen kann bei einer Führungsberechtigung im Namensstamm niemals - auch nicht über eine genealogische Abstammung - zur Weitergabe auf einen anderen Familiennamen übertragen werden, ohne dass dies im Wappen selber durch eine deutliche Änderung sichtbar wird. In letzter Konsequenz bedeutet dies für die Betroffenen die Annahme eines neuen (zumindest deutlich abgewandelten) Wappens.

Bei der Wahl eines abweichenden Nachnamens gilt als einfacher Merksatz: "Familienname weg = Familienwappen weg".
Beim Namensstamm ist diese Regel zwingend.

Besonderheit:
Gemäß dem historisch gewachsenen Gewohnheitsrecht und der Praxis der heraldischen Vereine und Gesellschaften wird auch nach der Wahl eines neuen Nachnamens (Ehenamens) als des Geburtsnamens eine rein persönliche Führungsberechtigung des elterlichen Wappens durch die Betroffenen auf Lebenszeit in vielen Familien akzeptiert bzw. geduldet. Somit sind Allianzwappen möglich.
Diese Betroffenen mit abweichendem Nachnamen können bei konsequenter Anwendung des Namensstammes (Namens- und Nachkommenschaftsprinzip) das elterliche Familienwappen jedoch nicht mehr an die eigenen Nachkommen weitergeben.
Zudem können diese Betroffenen mit neuem Nachnamen auch kein Wappen mehr für die - nun namensfremde - elterliche Familie neu stiften. Dafür können sie aber für sich selber und ihre namensgleichen Nachkommen ein eigenes Wappen unter ihrem neu gewählten Namen annehmen.

 

Weitere Ausführungen und Schaubilder des Referenten zur Führungsberechtigung bei Familienwappen finden Sie auf der Seite WAPPENRECHT

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Nachtrag:

Die Teilnehmer der Veranstaltung "HERALDIK PUR", unter ihnen Mitarbeiter verschiedener Wappenrollen, bekundeten 2013 ihre Zustimmung zu den Ausführungen von Herrn Dieter Müller-Bruns (Kleeblatt, MdH). Bei einer konsequenter Einhaltung des Namens- und Nachkommenschaftsprinzips bleibt einerseits der Familienzusammenhalt der Führungsberechtigten gewahrt. Andererseits sind so bestimmte Personen führungsberechtigt und andere Personen eindeutig nicht. Diese Klarheit ist in der Heraldik ausdrücklich gewünscht.

Als Vorstand des Heraldischen Vereins "Zum Kleeblatt" dankten Hans-Peter Dege und Dr. Volkmar Tönnies für den wegweisenden Vortrag. Sie sprachen sich für klare Regeln bei der Prüfarbeit der Wappenrollen aus. - Auf Wunsch des Kleeblatt-Schwestervereins "Herold" wirkt der Jurist Müller-Bruns seit 2009 als Referent zum Thema "Sog. Wappenrecht" bei den DWR-Seminarwochen über Grundlagen der Heraldik bzw. DWR-Heraldikerfortbildungen in Berlin mit. Der ehrenamtliche Heraldiker ist juristischer Bearbeiter der Wappenrollen in Hannover und Berlin.

 

  

 

Niedersächsische Wappenrolle (NWR)
Text der Führungsberechtigung bei Neueintragungen

Text bei einem - neu angenommenen - Familienwappen:

  1. "Das Wappen wurde neu angenommen und wird seit dem <Datum> geführt."

  2. "Führungsberechtigt sind neben dem Wappenstifter <Name> seine Nachkommen, soweit und solange sie noch den Familiennamen <Familienname>, auch als Teil eines Doppelnamens, führen."